Sonntag, 21. Juli 2019

Das war ja wohl der Gipfel!

Den Anfang machte, soweit sich mein sauerstoffgeschwängertes Gehirn noch daran entsinnen kann, einer dieser seltenen Instagram-Momente. War es eine Fotocollage, ein Zusammenschnitt in bewegten Bildern des letzten Jahres oder gar ein plumper Werbebeitrag, der das zehnjährige Bestehen des Brixen Dolomiten Marathon für den 06. Juli 2019 ankündigte?

Was es genau war, kann ich leider nicht mehr mit Gewissheit sagen. Ich weiß nur noch eines: Das was die da hatten, wollte ich auch - Running to the Limits.

Von Berlin nach Brixen

Nur zur Erinnerung: Dort wo ich herkomme, gibt es keine Berge. Manchmal nennen wir sie vielleicht Berge, denn dann kommen wir uns irgendwie noch kosmopolitischer vor, aber... nope. Keine Berge. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde der Südtiroler von nebenan beim Anblick unserer "Berge" die beiden Adjektive niedlich und süß sogar in einem Satz verbauen. Und warum? Weil er es eben kann.

Die höchste Erhebung Berlins, mit niedlichen 114,8 m.
Was bin ich aber wöchentlich diesen niedlichen Bunkerberg im Volkspark Friedrichshain hochgeflitzt und wieder runtergetrabt. Und wieder hochgeflitzt und wieder runtergetrabt. Immer und immer wieder. Manchmal waren es am Ende 500 Höhenmeter im Aufstieg; wenn ich gut drauf war, auch gut und gerne mal das Doppelte. Je näher der Marathon schließlich kam, desto öfter verschlug es mich mit meinem Laufkumpel Tom noch in die Müggelberge, zur höchsten natürlichen Erhebung Berlins. Es wurde viel geschwitzt und gelitten. Es tat weh und das zurecht. Würde dieser Aufwand allerdings ausreichen, um von Brixen (im idyllischen Südtirol gelegen) auf deren Hausberg, die Plose, zu laufen? Wahrscheinlich war mir beim Finden einer passenden Antwort noch nie so unsicher zu Mute.

Mit anderen Worten: ich hatte die Hosen gestrichen voll.

Akklimatisieren auf dem Blütenlauf

Die Trainingstage kamen, die Trainingstage gingen. Und mit ihnen die Zeit, die zwischen mir und dem Berg lag. Unter meine Vorfreude mischten sich langsam aber sicher vereinzelt Zweifel, ob das denn alles richtig so war? Doch ich einen Rückzieher machen? No Way.

Der Blütenlauf in Elvas.
Dann endlich: Abflug Berlin - Ankunft Bergamo. Die Sonne brennt. Gute vier Tage noch bis zum Wettkampf. Ausreichend Zeit, um sich zu akklimatisieren. Mit dem Mietwagen nach Elvas, oberhalb von Brixen gelegen, unsere Unterkunft für die nächsten fünf Tage beziehen. Shake-Out Run am Morgen, erste Höhenluft schnuppern auf dem 12,9 km langen Blütenlauf; ein Laufparadies vorbei an Obstwiesen, durch das Raier Moos, den Mooswald und die Dörfer Natz, Viums und Raas. Und weil es so schön war, schreite der nächste Morgen regelrecht nach einer noch schnelleren Wiederholung. Das Gewissen war somit für's Erste zufrieden gestellt. Ich war also bereit für 42,195 km vom Domplatz in Brixen auf den Gipfel der Plose. Die Hosen waren zwar immer noch voll, doch war endlich die Zeit gekommen, den Ballast abzuwerfen.

Der Tag vor dem Tag

05. Juli 2019: Domplatz zu Brixen, Vorwettkampf-Stimmung im Schatten des Doms.

Warum bis Samstag warten, wenn man das ganze Drumherum auch einen Tag früher genießen kann? Man setzt schonmal einen Fuß durch das Starttor - Wettkampfluft schnuppern. Lässt sich im Vorbeigehen noch einen Sleepy (ein seltsam anmutendes Stofftier, Gattung Bär mit Schlafmütze) andrehen; für die Chance, eine ultramoderne und alles in den Schatten stellende Matratze zu gewinnen, mit der der Schlaf noch tiefer wird und Schäfchen zählen am Ende so '80s' ist.

Man verfolgte mit großen, leuchtenden Augen das geschäftige Treiben der Volunteers, die in den letzten Zügen noch einmal alles gaben, sodass am nächsten Morgen die knapp 500 Marathonis ohne Probleme auf ihre Reise geschickt werden können. (Ganz nebenbei: Während ich bereits von meiner neuen Matratze träumte, starteten in der Nacht von Freitag auf Samstag bereits die Ultraläufer über den 81-km-Ultra.)

Um das Erlebnis jedoch noch abzurunden, war es nun endlich an der Zeit für die Ausgabe der Startnummer, die ich immer so früh wie möglich in den Händen halten muss. Ist wahrscheinlich so ein dämliches Ritual, dass das Läuferdasein so mit sich bringt. Ohne fühlt man sich kraftlos und verloren. Doch mit... lasset die Spiele beginnen. Dann noch DIESE Startnummer - 23!!! Ich sage nur: Illuminaten, Verschwörungstheorien und nichts ist, wie es scheint. Da hat wohl irgendwer meinen morgigen Weg bereits vorherbestimmt. Was sollte jetzt noch schief gehen, wenn man schon das Schicksal auf seiner Seite hat? Aber ob es sich mit mir am Ende auch auf den Gipfel quält, sollte ich erst am nächsten Tag erfahren.

Running to the limits

06. Juli 2019, 07:30 Uhr: Start des 10. Brixen Dolomiten Marathon



So groß die Nervosität im Vorfeld vielleicht auch gewesen sein mag; sobald der Startschuss gefallen war, befand man sich schlicht und ergreifend auf der Strecke und machte das, was man am besten konnte - einen Fuß vor den anderen setzen. Kein Hexenwerk. Über Jahre geübt. Manchmal gescheitert, doch nie aufgegeben. Der heutige Tag sollte bestimmt nicht die Ausnahme von der Regel werden.

Die Temperaturen vor dem Start waren bereits wohlig warm und spätestens zur Mittagszeit sollte dann auch die 30° C - Marke erreicht werden. Was für den einen Fluch, ist für den anderen Segen. Denn das war genau mein Wetterchen. Trotz Gewitterwarnung am Nachmittag sollte mich der stete Sonnenschein bis zum Erreichen der Ziellinie keinesfalls im Stich lassen.

Nachdem man kurz nach dem Start noch eine kleine Runde der Verabschiedung durch Brixen drehen durfte, dabei das Glück besaß, den mitgereisten Anhang noch einmal zu sehen, bevor man sich für die nächsten Stunden auf seinen einsamen Trail zurückzog, wurden die Zuschauer entlang der Strecke schon langsam eine seltenere Spezies. Die ersten Anstiege ließen dann auch nicht mehr lange auf sich warten und nur erahnen, worauf man sich da an jenem Samstag im Juli eingelassen hatte.

Das erste große Highlight (wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, so weit nach vorne zu preschen) erwartete mich schließlich bereits nach 11,4 km an der Seilbahn-Station St. Andrä,  wo meine Frau und Doro, eine mitgereiste Freundin aus Berlin, auf mich warteten und ich mich, um eine gute Figur abzugeben, mit geschwellter Brust auf die nächste Etappe vorbereitete, während meine Begleiter nur kurze Zeit später die Gondel nach Kreuztal, am Fuße der Plose gelegen, bestiegen und keine halbe Stunde später unterhalb des Gipfels ihr wartendes Dasein fristeten. Wir sollten uns auf jeden Fall wiedersehen. Ich geh' dann mal zu Fuß.

Lauf Junge Lauf

Als unerfahrener Bergläufer, der ich nun einmal war bzw. immer noch bin, habe ich mir eine ganz besondere Taktik in meinem kleinen verstaubten Hinterstübchen überlegt. Einfach das machen, was die anderen machen. Nur ein bißchen mehr davon. Wenn offensichtlich gestandene Trailläufer das Gehen vorziehen, werde ich mich keinesfalls dagegenstellen und einfach mitmachen. Bergab wird gerollt. Beine ausschütteln für die nächsten Passagen gen Himmel. Denn leider oder Gott sei Dank hatte ich keinen blassen Schimmer, was mich bis zum Ziel auf der Strecke noch alles erwarten wird.

Der Kurs war nämlich extrem anspruchsvoll, forderte meine gesamte Aufmerksamkeit. Zu Beginn hatte man noch leichtes Spiel mit vielen Asphaltpassagen, die irgendwann zu weichen, doch gut zu
laufenden Waldwegen wurden. Im weiteren Verlauf begegneten uns Läufern jedoch die ersten schmalen Pfade, die ich so aus Berlin eher weniger kannte. Ausgeprägtes Wurzelwerk im ständigen Wechsel mit Gestein jeglicher Größe. Manches Mal auch eine Kombination aus beidem. Rechts der Berg, links der Abhang. Was ich auf keinen Fall riskieren wollte, war nämlich der Einsatz der Bergrettung, die einen verirrten Berliner von einem Baumwipfel in Südtirol herunterholen mussten. Sobald ich nur ansatzweise feststellte, dass meine Konzentration nachließ und damit eine Verletzung riskierte oder eine Blamage - ich sage nur Baumwipfel -, schaltete ich einen Gang zurück und genoss für einen Moment dieses unglaubliche Bergpanorama, das sich einem von dort oben bot und wofür man ansonsten, voll konzentriert, einfach keinen Blick erübrigen konnte. Den geistigen Akku also wieder voll geladen, bahnte man sich eben Kilometer um Kilometer seinen Weg immer weiter Richtung Ziel, das noch so unendlich weit entfernt zu sein schien.

Nachdem somit der erste längere alpine Steig bis Kilometer 30 überstanden war, habe ich mich glatt bei dem Gedanken ertappt, dass es das jetzt gewesen sei und ich das Rennen nur noch nach Hause schaukeln muss. Denn die nächsten Kilometer luden nicht nur mich zum Tempo machen ein, da auf den nächsten drei Kilometern uns der Weg knapp 200 Meter abwärts zur Seilbahnstation Kreuztal führte. Dort angekommen wurde ich nun von meiner Frau bereits sehnsüchtig erwartet und gebührend empfangen, holte mir die letzte Motivationsspritze ab und dachte: das Schlimmste sei überstanden. Wie jung und naiv ich doch war. Denn erstens kommt es anders, zweitens als man denkt!

Dieser Weg wird kein leichter sein...

Kaum das scheinbar letzte Fünkchen Zivilisation mit dem Verpflegungsposten 'Kreuztal' hinter sich gelassen, schien wohl für die Veranstalter die Zeit gekommen, endlich den Südtiroler Überraschungs-Hasen aus dem Hut zu zaubern. Keine neun Kilometer mehr zu bewältigen und dann das. Der nächste
hochalpine Steig, nur eben dieses Mal etwas steiler und, meines Erachtens, etwas technischer. Vielleicht täuschte mich aber auch der Eindruck und ich war einfach schon zu matschig im Hirn. Und sollte mich irgendwann einmal jemand fragen, wann mich schlussendlich der Mann mit dem Hammer  wie den Nagel auf den Kopf traf, weiß ich zu sagen, dass er irgendwie immer an meiner Seite mitlief und mit zittrigen Händen nur darauf lauerte, mir den Rest zu geben. Freundlicherweise sollte mich dieser Moment jedoch erst gute drei Kilometer vor dem Ziel ereilen. Denn plötzlich hieß es, noch einmal die letzten 400 Höhenmeter bezwingen. Laufen konnte man das aber nun wirklich nicht mehr nennen und kann schwer in Worte fassen, wie es sich anfühlt, in weiter Ferne stecknadelkopfgroße Mitstreiter auszumachen, mit dem bewussten Gedanken, dass das Spiel scheinbar verlängert wurde und nicht, wie erhofft, in wenigen Minuten beendet sein wird.

Die Oberschenkel brennen. Der Weg ist das Ziel. Die Zeit mittlerweile vollkommen egal. Nur noch den Typen mir der Kuhglocke passieren. Dann noch ein Stückchen weiter. Bald hört man, zwar noch sehr leise, aber deutlich, die Stimmen aus dem Zielbereich. Zunehmend lauter und noch deutlicher dringen sie an dein Ohr und dann... Beine ausschütteln bis ins Ziel an der Plosehütte. Unglaublich... soll es das jetzt etwa gewesen sein? Ich kann das Ende irgendwie immer noch nicht ganz fassen, als ich nach 05:14:40 h, als 54. in der Gesamtwertung, meinen leicht lädierten Kadaver schließlich über die erlösende Ziellinie hievte. Ich durfte aufhören zu laufen. Einfach so und ohne doppelten Boden. Die Bergretter blieben heute, zumindest wegen mir, ohne Einsatz.

Meine Leistung? Fand ich gar nicht so übel für einen Flachland-Tiroler aus Berlin. Da scheint Potential da zu sein. Vielleicht aber war es auch einfach nur das Glück... des Tüchtigen. Sind unsere Berge wahrscheinlich doch nicht so übel wie anfangs verteufelt. Doch dieses Panorama!!! Mit so etwas können wir natürlich nicht dienen. Dazu noch dieses Kaiserwetter. Unglaublich. Die nächste halbe Stunde saß ich einfach dort, starrte auf die Berge und freute mich des Lebens, im Hier und Jetzt zu sein und endlich nicht mehr laufen zu müssen. Diesen einen langen Moment der Ruhe kann einem keiner mehr nehmen und vielleicht ist ja genau dort die Idee entstanden, irgendwann einmal nach Brixen zurückzukehren zu diesem ganz speziellen Wochenende im Juli.

Das Beste kommt zum Schluss

Dass der Brixen Dolomiten Marathon eine wahre Perle des Trailrunnings ist, hat mir die zehnte Ausgabe eindrucksvoll bewiesen. Daran hege ich keinerlei Zweifel mehr. Es bleibt mir eigentlich nur noch DANKE zu sagen. All jenen, die die Veranstaltung 2019 zu dem gemacht haben, was es für mich war. Eine harte Nummer mit Herz. Als erstes fallen mir da die vielen, vielen Helfer an den Verpflegungsstationen ein, die immer da waren, wenn man sie am nötigsten brauchte. Ganz speziellen Dank an den südtiroler Wettergott, dass er uns an diesem Wochenende mit dem schönsten Sonnenschein gesegnet hat, den die Welt je gesehen hat. Last but not least möchte ich nicht die Veranstalter vergessen, die schließlich irgendwann einmal auf die Idee kamen, diesen Wettkampf ins Leben zu rufen, in dem man nicht nur gegen den Berg, sondern vor allem gegen sich selbst antritt. Es war mir eine große Ehre, den Trail mit Euch allen zu teilen und hoffe, ihr haltet mir immer schön ein Plätzchen an der Startlinie für mich frei, für den Fall, dass man mich mal wieder in meine Grenzen verweisen muss. Pures Vergnügen oder einfach nur Running to the limits. 













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